Thao behauptete, der hätte den Kerl schon riechen können, da war er noch nichtmal im Dorf. Aus der Nähe betrachtet war die schmächtige Gestalt tatsächlich so zerlumpt und schmutzig, dass sogar die Bonds nicht freiwillig näher rückten. Das Gesicht war fast vollständig von filzigen Haaren und Bart verhangen. Von den Händen rieselten der getrocknete Schlamm, wenn er sie bewegte.

Hätten sie ihn zurück in die Berge gejagt, hätte er zweifelsohne keine Hand mehr draußen überlebt und auch jetzt bei warmem Met und Eintopf, war nur langsam Leben in seine steifgefrorenen Glieder zurückgekehrt. Obwohl Lovis den Namen Filzbart passender fand, brachte er irgendwann hervor, dass sein Name Pavidus war. Ansonsten war er überwiegend ruppig und wortkarg und brachte sonst nicht viel hervor außer dass er in den Bergen herumgewandert war. Herumgeirrt traf es wohl besser.

Lovis wollte schon zusehen, dass sie den Kerl wieder loswurden, denn er war nun aufgewärmt und sie hatte ihm sieben Kupfer für Verpflegung abgeknöpft und wollte dafür nicht unbedingt ein paar Bettwanzen und Flöhe aus seiner verlotterten Kleidung in die Felle der Gästekammern übernehmen.

Da rollte der Filzbart eine Karte aus und wollte wissen, wo genau er sich befand. Lovis trat neben ihn und hielt den Atem an. Erstmal  nicht wegen der Karte, sondern wegen des Gestanks, der vom Filzbärtigen ausging. Sie zeigte ihm wo Helvegen lag und er quittierte ihre Mühen mit einem brummeligen Fluchen. Lovis grinste. Nein, wenn er hatte Richtung Süden laufen wollen, war ihm das wohl eher nicht geglückt. Sie wollte sich gerade schon abwenden, als ihr einiges Gekritzel am unteren Ende der Karte ins Auge fiel.

*zur Kenntnisnahme dem ersten Schriftgelehrten von Kassau und seiner Hohen Geistlichkeit, dem Ersten Initiaten zu Kassau

Auf ihre Frage, wo er denn die Karte geklaut habe, fing er gleich an das Pergament von unten her einzurollen und wurde nur noch brummiger und nörgelte erneut etwas von weiblicher Neugier. Nur, dass ihm auch schon die Kerle zu neugierig gewesen waren. Ein weiterer Blick auf die Karte offenbarte, dass das Sternchen zu einem Fleckchen gehörte, das sich irgendwo links oberhalb der Insel Hulneth fand. Nur dass Lovis sich sicher war, dass dort kein Fleckchen hingehörte, schon gar keins, das sogar einen Namen trug.

karte_001

Da wo das Flecken namens Chrysos war, war nämlich bisher niemand hingesegelt, der noch bei Verstand war und an seinem Leben hing. Und wenn es mal jemand versucht hatte, war der nicht wieder heimgekehrt. Lovis runzelte die Stirn  und bat Jorund, den Bootsbauer um eine zweite Meinung. Und auch der kam ins Grübeln. Einzig in Pavidus trat nun so etwas wie rege Betriebsamkeit, als er eilig die Karte zusammenrollte und sie in seinem Beutel verstaute.

Lovis schwatzte ihm eine Nacht in der Gästekammer und ein Bad in den heißen Quellen mit einer schmucken kleinen Bond namens Talim auf. Nicht weil sie scharf auf Bettwanzen und Flöhe war, sondern weil die Karte ihr Interesse geweckt hatte.

Chrysos bedeutete irgendwas mit Gold.

Und wenn es eins gab, das Lovis nach Sigurd und ihren Kindern am liebsten mochte, dann war es sicherlich das schimmernde und kostbare Metall ihrer Träume.

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