5 Kampf um Chrysos

Im Frühjahr war es soweit. Sigurd führte die Männer auf den ersten Viking unter den Brüdern Eriksson. Er erlangte von einem Reisenden namens Pavidus Kenntnis von einer bisher unentdeckten Insel, deren Goldvorräte Kassau für sich beanspruchte. Wenig später erfuhr man von Gerüchten, dass Kassau wieder begonnen hatte Torvaldsländer zu foltern, zu versklaven und zu töten, die nicht den Glauben an die Priesterkönige annehmen wollten.

Es gelang Sigurd auf dem nächsten Jarlstreffen die anderen Clans des Nordens für einen Raubzug auf Chrysos zu begeistern. Zum einen des Goldes wegen und zum anderen um Kassau einen Schlag zu versetzen.

Nach einem heftigen Sturm auf See, den man gemeinsam überstand, erreichte man schließlich die goldene Insel, raubte zuerst den Tempel der Wissenden aus und stürmte dann in einem zweiten Versuch die Siedlung endgültig. Alle Clans reisten siegreich und mit satter Beute wieder in ihre Dörfer. So auch die Helvegener.

Sigurd hatte sich als Jarl bewährt, so dass die Führung des Clans durch die Brüder Eriksson als gefestigt betrachtet werden konnte. Der Runenpriester im Tempel von Uppsala hatte die Wahrheit aus den Runen gelesen. Der mit aller Leidenschaft geführte Kampf gegen den Süden hatte Wohlstand nach Helvegen gebracht.

 

4 Erste Prüfungen

Der Winter war nicht mehr weit. Er sollte die erste Prüfung der Brüder Eriksson als Führer des Clans werden. Die Prüfungen kamen in Gestalt von riesigen Bestien, die aus den Bergen herunterkamen, getrieben von Blutdurst und Hunger.

Vereinzelt gelang es die Kurii zu töten oder sie zurück in die Berge zu jagen, doch der Tag kam, an dem sie im Rudel erneut angriffen.

Während Sigurd und Yoric eine Palisade hatten bauen lassen, die die Kurii nicht wirklich aufhalten konnten, wurden langsam die Vorräte knapp, denn nun, ausgerechnet im Winter, vergrößerte sich der Clan beträchtlich und ließ diese schwinden wie die Hitze eines Feuers das Eis.

Sigurd begriff ein weiteres Mal, dass ein Clan so stark war, wie die Verbündeten, die ihm in der Not beistanden.

3 Die Brüder Eriksson

Das Orakel bestimmte zwei Brüder als diejenigen, die die Geschicke des Clans fortan lenken sollten: Yoric Eriksson, der aufbrausende Krieger, der vor keiner Gefahr zurückschreckte und der den Beinamen “der Spalter” trug.

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Er sollte fortan das Kommando über Raubzüge und kriegerische Unternehmungen tragen und erhielt den Titel Thane von Helvegen. Sigurd Eriksson, der besonnenere und ruhigere Bruder von beiden mit Beinamen Rotbart, der die Geschicke im Dorf lenken und in Einvernehmen mit Yoric Recht über die Clanmitglieder und Eindringlinge sprechen sollte. Er erhielt den Titel Jarl von Helvegen. Weder konnte der Thane ohne den Jarl noch der Jarl ohne den Thane herrschen, das hatte das Orakel beiden unmissverständlich klar gemacht. Sollte ihre Einigkeit brechen, würde auch ihre Herrschaft über Helvegen ein rasches Ende finden.

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Die beiden Brüder hatten die Höhle im Berg euphorisiert und erregt verlassen. Beide hatten einen Kuss von Sigrid empfangen, einen Kuss von Jörd selbst, so hatte sie es betont, der sie in Treue an das Orakel binden sollte und dessen Wirkung durch das grüne Gebräu verstärkt wurde, den die alte Völva den Männern vor dem Besuch der Höhle zu trinken gegeben hatte. Dieser Trank schütze nicht nur vor den Ausdünstungen der giftigen Pflanzen in den Höhlen, sondern hatte auch ihre Sinneseindrücke verschärft, so dass keiner der beiden noch eine Zweifel daran hegte, von Jörd selbst liebkost und von den Götter auserwählt zu sein.

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2 Der Tod des alten Jarls

Der friedliche Tod im Schlaf war für einen Torvaldsländer und für einen Helvegener im Besonderen kein ruhmreiches Ende, das ihm einen Sitz in Walhalla sicherte. In diesem Sinne war das Ableben des Jarls, der die Seherin Sigrid nach Helvegen gebracht und in der Höhle festgehalten hatte, vermutlich sogar in seinem Sinne gewesen: Er starb mit seiner Axt in der Hand im Kampf. Aber er starb zu früh um seine großen Pläne umsetzen zu können. Und er starb auch zu schnell um noch jemanden davor warnen zu können, dass die Prophezeiungen des Orakels mit Vorsicht zu genießen waren. Das Orakel der Götter, so flüsterte man mittlerweile über das Mädchen in der Höhle und die Leute hatten angefangen zu vergessen, dass sie einen sterblichen Namen hatte.

Da sein Tod schnell über ihn gekommen war, galt das, was er vor seinem Tode festgelegt hatte: Der neue Jarl würde vom Orakel der Götter bestimmt und verkündet werden. Sigrid hielt nun das Schicksal von Helvegen in ihren zarten und lange nicht von Lar-Torvis gestreichelten Händen und so gewisser Weise auch ihr eigenes Wohlergehen. Die Wahl des neuen Jarls würde für viele Märkte darüber bestimmen, ob sie ihre Machtstellung halten konnte und auch darüber, wie der Clan geführt würde. Astar, die alte Völva, vertraute nicht ganz auf die Eingebungen der Götter, sondern versorgte Sigrid mit allen Informationen aus dem Dorf, die sie zu bringen vermochte: So erhielt Sigrid einen Überblick über alle jungen und hoffnungsvollen Männer, die einen möglichen Jarl von Helvegen abgeben konnten. Auch verwandte und würdige junge Männer aus anderen Clans wurden einbestellt um sich der Wahl des Orakels zu stellen. Da die Völva besonders bei den Weibern großes Vertrauen genoss, wusste Sigrid bald ebensoviel über jeden Kandidaten, wie die stolze Mutter, die ihn einst an ihren Brüsten gestillt hatte.

1 Das Mädchen in der Höhle

Sie war als Sigrid Ivarsdottir aufgewachsen, Tochter des des Jarls von Hunjer und einer freigelassenen Sklavin aus dem Süden namens Linna. Sigrid konnte sich an Träume erinnern, soweit sie zurückdenken konnte. Sie war ein stilles und in sich gekehrtes Kind, das sich auf ganz auf seine Intuition verlassen konnte, wenn es darum ging Menschen und ihre Handlungen vorauszusagen. So hatte sie sich nach und nach den Ruf der Gabe der Götter zugezogen und wurde zu einer erfahrenen Völva gebracht, die sich ihrer annehmen sollte.

Dort in der Abgeschiedenheit des Waldes kannte sie bald nichts mehr als Gesellschaft des alten Weibes, der Tiere und das Geflüster der Götter. Bis sie die Aufmerksamkeit eines Besuchers erregte, der der Götter Segen wünschte, mehr aber noch seinen Ruhm und seine Macht zu mehren suchte. So erkaufte sich der große Jarl die Gunst der alten Völva, deren Gier nach Unsterblichkeit fast ebenso groß war wie die seine, und Sigrid zog mit ihr und dem großen Fremden in seine Heimat. Helvegen lag noch weiter im Norden als Hunjer, tief in einem Fjord, den sie Strangfyorthe nannten.

Ihre äußere Welt wurde noch kleiner und gab Raum für die Entwicklung ihrer Gabe. Gefangen in einer Höhle, zu der für viele Monde nur der Jarl und ihre Lehrmeisterin Zutritt hatten, verlor sich Sigrid fast ganz und gar in der Vorstellung, dass die Götter direkt durch ihre Zunge zu den Sterblichen sprachen und die Göttin Jörd von ihrem Körper Besitz ergriff, wann immer dieser danach war. So sprach aus Sigrids Augen eine ungewöhnliche Besessenheit und ihr schöner Leib sollte so manchen Geist verwirren, als der Jarl begann die besonderen Fähigkeiten seiner jungen Seherin im Norden verbreiten zu lassen. Besucher kamen und gingen. Junge Krieger. Wissbegierige Seeleute. Junge Anführer. Alle auf der Suche nach den richtigen Antworten der Götter auf ihre drängenden Fragen.

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Sigrid war klug und eitel genug zu begreifen, dass nicht jeder die Antwort der Götter verdiente, sondern es zuweilen ratsamer war, dem Willen des Jarls von Helvegen zu entsprechen und eine Antwort zu formulieren, die dessen Machtinteressen im Norden hilfreich war. So lebte sie zwar in der größten denkbaren Einsameit, war sich aber gleichsam ihrer Unantastbarkeit sicher. Weder seine Sklavin, noch eine freie Frau und somit in der Gnade eine unvergleichbare Sonderstellung unter den Sterblichen erlangt zu haben.

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